Unikate vom Niedrrhein

Heinrich Niederholz grinst bis über beide Ohren. Behände ist der 88-Jährige soeben auf den Fahrersitz des orangen Allgaier AP 17 / Porsche System geklettert, schon düst er durch die Halle des Landmaschinenbetriebs im niederrheinischen Geldern und ab auf die Landstraße. Aus dem Auspuff wabern dicke, schwarze Schwaden, Dieselgeruch liegt in der Luft. „Dieser Sound, ist der nicht herrlich?“, ruft er, „etwas Besseres gibt es einfach nicht.“ Ursprünglich hatte Heinrich Niederholz bei seinem Vater den Beruf des Schmiedemeisters gelernt und beschlug die Pferde aus der Gegend. Zu Beginn der 1950er ahnte der Handwerker den Umschwung und sagte zu seinem Sohn: „Pass‘ auf Junge, das mit den Pferden wird immer weniger. Es wird Zeit, sich ein wenig mit Technik zu beschäftigen“, erinnert sich Niederholz. Damit setzte er in dem heute 88-Jährigen ein zartes Pflänzchen, aus dem innerhalb kürzester Zeit eine ausgewachsene Leidenschaft für Traktoren wurde.
„Mein Herz schlägt für Porsche“, betont Niederholz. Mit der Geschichte seines Schleppers kennt er sich bestens aus. 1950 war es das erste Fahrzeug, das der Landmaschinenbetrieb in Zahlung nahm. Viele Jahre später kaufte Heinrich Niederholz den Trecker zurück, restaurierte ihn und ist seither oft mit ihm auf Tour. Das macht besonders Spaß, da der Allgaier AP 17 von Natur aus ein Flitzer ist. „In den 50er Jahren nahm man es mit der Geschwindigkeit nicht so genau. Der läuft vom Werk her schon 30 Kilometer pro Stunde“, weiß Heinrich Niederholz. Die zweite Serie hingegen brachte es nur noch auf 20 km/h. Das von 1950 bis 1954 gebaute Modell geht auf Ferdinand Porsches „Volksschlepper“ zurück, den er vor und während des zweiten Weltkrieges entwickelt hatte. Dem Porsche-Diesel-Club Europa zufolge, arbeitete Ferdinand Porsche 1915 erstmals bei Austro-Daimler an einem „Pflugtraktor“ und an dem „Landwehr-Train“, einer Zugmaschine mit Benzinmotor und einer Reihe von Anhängern mit Elektroantrieb. 1937 begannen die Entwicklung und der Bau einiger Prototypen des „Volksschleppers“, um die Motorisierung der Landwirtschaft voranzutreiben. 1941 war Schluss mit dem „Volkstraktorwerk“ in Waldbröl bei Köln. „Die Rüstungsindustrie hatte Vorrang, keiner der Prototypen ging je in Serie“, erzählt Niederholz.

Allgaier AP17

Mein Herz schlägt für Porsche

Heinrich Niederholz senior

 

Als Porsche 1947 nach 22 Monaten Kriegsgefangenschaft in Frankreich wieder nach Deutschland zurückkehrte, erinnerte er sich an sein ehrgeiziges Projekt und nahm erneut die Arbeit an den Entwürfen auf. Das Ergebnis war ein mit 2000 Umdrehungen pro Minute schnelllaufender, luftgekühlter Schlepper mit Zweizylinder-Viertakt-Diesel und 18 PS. 1949 erwarben die Uhlinger Werkzeugmaschinenhersteller Erwin und Oskar Allgaier die Lizenz und brachten 1950 den Allgaier AP 17 zum Messepreis von 4450 Mark auf den Markt – ein Preis, der die Konkurrenz erstarren ließ. Zumal sich Ferdinand Porsche einige technische Raffinessen ausgedacht hatte. Sowohl der luftgekühlte Motor als auch das Getriebe der ersten Serie waren aus Silumin, einer Legierung aus Aluminium und Silizium. So konnte das Eigengewicht des Schleppers deutlich abgespeckt werden, auf anfangs 950 Kilogramm. „Das war vor allem ein gutes Argument, um den Kritikern zu begegnen, die meinten, ein Traktor zerstöre durch seinen Bodendruck nur den Acker und bringe dadurch gegenüber der Arbeit mit Pferd oder Ochse keine Erleichterung“, erzählt Heinrich Niederholz. Die Konkurrenz, etwa Schlepper aus der Deutz D-Reihe, brachte immerhin satte 1500 Kilogramm Eigengewicht auf Feld und Straße. Allerdings konnten sich Leichtmetall-Getriebe und –Motor nicht durchsetzen, bereits die zweite Serie 1951 musste aus Kostengründen ohne das feine Extra auskommen. Was sich auch auf der Waage bemerkbar machte: Der Zeiger kletterte zunächst um 50 Kilogramm auf 1000, später auf 1170 Kilo.

Spektakuläre Neuerung war 1950 auch die ölhydraulische Voith-Strömungskupplung, die das Anfahren mit dem Schlepper erleichterte. Heinrich Niederholz weiß noch weitere Vorteile seines Schnellläufers aufzuzählen: „Der kurze Radstand, die Portalbauweise der Achsen und die damit verbundene gute Bodenfreiheit, kein Keilriemen, die Einzelradbremse. Und einmalig ist, dass der Motor eine Zentrifuge hat. Das Öl kommt gereinigt wieder ins Lager und muss kaum gewechselt werden.“ Ehe Professor Ferdinand Porsche im Jahr 1951 starb, konnte der „Vater“ des Volksschleppers AP 17 noch die Auslieferung der ersten Modelle miterleben. Die Auftragsbücher waren schnell gefüllt, was der Allgaier-Maschinenbau GmbH den Bau eines neuen Werkes in Manzell ermöglichte.
Seit der orangene Porsche wieder in Heinrich Niederholz‘ Obhut ist, läuft er ohne größere Defekte und ist sehr wartungsarm. „Vor etwa 30 Jahren mussten mein Sohn und ich ihn allerdings erstmal vor der Schrottpresse retten“, erinnert er sich. Heinrich Niederholz Junior (56), der den Landmaschinenbetrieb inzwischen in vierter Generation führt, zählt die gemachten Arbeiten auf: „Viele Bleche waren beschädigt, Macken mussten ausgedengelt werden. Den Motor haben wir komplett auseinandergenommen und überholt. Fahrtüchtig war der Traktor allerdings noch.“ Auch den Original-Fahrzeugbrief hob der Besitzer auf – zu damaligen Zeiten durchaus eine Seltenheit. Viele Briefe landeten einfach irgendwann im Müll.
Für Heinrich Niederholz undenkbar, hegt und pflegt er doch sein Schätzchen, seit es zu ihm zurückgekehrt ist. Mehr noch: „Mein Urlaub ist Trecker fahren“, sagt der Senior-Chef des Landmaschinenbetriebes. Zweimal startete er mit dem Porsche-System schon bei der Porsche-Diesel-Großglockner-Meisterschaft, 2003 erreichte er den zweiten Platz. Mit maximal 30 Kilometer pro Stunde haben Niederholz und sein Trecker Meran, Berlin, den Schwarzwald, Rosenheim und den Teutoburger Wald erkundet. Auch zu Treffen ist der 85-Jährige immer gerne gefahren. Mit 80 Jahren übernachtete er bei einer solchen Zusammenkunft in Nordhorn zum ersten Mal in einem Zelt. „Das war herrlich! Sowas konnte das beste Hotel nicht bieten“, sagt er und schmunzelt.

Gut erinnert er sich noch an sein erstes Porsche-Diesel-Treffen in Wertheim: „Etwa 15 Jahre muss das her sein. Dr. Wolfgang Porsche persönlich war auch dort.“ Schnell sprach sich der bevorstehende Besuch der „hohen Herren“ für den Sonntagnachmittag herum. „Der Präsident des Porsche-Diesel-Clubs, Harald Stegen, wies uns daher alle an, die Traktoren in einer Reihe zu parken, um sie schön präsentieren zu können. Nur ich mit meinem orangenen Traktor fiel aus der Reihe und sollte ganz in der Ecke stehen“, erzählt er. Als schließlich der prominente Besuch in Begleitung vieler anderer wichtiger Männer erschien, wusste keiner so recht, wer denn nun Wolfgang Porsche war. Außer Heinrich Niederholz. Er ging nach vorne und rief: „Hey Sie da, Sie sehen wie ein Nachfahre unseres berühmten Ferdinand Porsche aus.“ Der Angesprochene bestätigte das und kam mit ihm ins Gespräch. „Welcher ist denn Ihr Trecker?“, wollte er wissen. „Na der da ganz hinten. Der ist doch nicht rot wie die anderen und würde das Bild zerstören“, klärte Niederholz auf. Darauf erzählte er ihm, dass sein Modell einer der ersten Porsche-Trecker war, die überhaupt jemals gebaut wurden und wie alles mit der Firma Allgaier zusammenhing. „Dass die anfangs orange waren, wusste Dr. Porsche bis dato gar nicht“, berichtet Niederholz.
Für Heinrich Niederholz ist Traktorfahren längst zu einer Art Lebenselixier geworden. Es dürfte daher kaum verwundern, dass 1959 der Hochzeitswagen ein Traktor war. Bei der Fahrt zur Kirche mit dem Porsche Junior saß allerdings nicht Heinrich Niederholz am Lenkrad, sondern seine Frau Marianne. Er selbst musste auf dem Weg unter die Haube auf der Haube Platz nehmen. Unter dem Foto von damals steht: „Da war die Welt auch mit Porsche-Diesel noch in Ordnung. Noch bis heute gleiten wir dahin.“ Seine Frau, die früher auch gern Traktor fuhr, sitzt heute im Rollstuhl. „Dieses Bild kann man nicht mehr wiederholen, das war einmalig“, betont Heinrich Niederholz. Der alte Porsche Junior allerdings ist inzwischen wieder in seinem Besitz und wartet in der Halle des Landmaschinenbetriebs noch auf seine Wiederauferstehung.

Eines Tages schleppte Heinrich Niederholz Junior die Teile an. „Was willst du denn mit dem Haufen Schrott?“, wetterte sein Vater. Doch der Blick auf die Fahrgestellnummer ließ ihn schnell umschwenken: Schon lange hatte der Junior versucht, den alten Hochzeitstraktor seiner Eltern zu erstehen. Am Ende war es vor etwa 20 Jahren dann aber doch ein Zufallsfund. „Auf Montage hatte mir ein Mann einen zerlegten Traktor angeboten, den er in die Schrottpresse geben wollte“, erinnert sich der 56-Jährige. Für 20 Mark nahm er den Schlepper mit. Bei der ersten Rast auf dem Parkplatz staunte Heinrich Niederholz dann nicht schlecht, als er die Fahrgestellnummer sah. Er hatte tatsächlich den so lange gesuchten Traktor gefunden. Heckgetriebe und Portalachsen sind inzwischen fertig, Lampen und Sitzkonstruktion liegen bereit. Am Motor ist noch die Kurbelwelle zu reparieren. „Das ist eben unser Lückenbüßer, wenn zwischendrin mal nichts zu tun ist“, sagt Heinrich Niederholz Junior mit einem Achselzucken, „erst kommt das Butterbrot.“ Sein Vater hat bisher geduldig gewartet, doch mit 88 Jahren wird er langsam unruhig: „Ich will es ja noch erleben, noch eine Tour mit dem Porsche-Junior fahren.“
Schnell schiebt er nach: „Den bekommen wir schon wieder hin, in Sachen Oldtimer macht uns keiner etwas vor.“ Sein umfangreiches Wissen hat er seinem Sohn weitergegeben. Beide sind auch im Porsche-Diesel-Club technische Berater. In ihrer Halle am Niederrhein stehen fast fertig restaurierte Traktoren neben völlig zerpflückten Fahrzeugen und Haufen aus Motorenteilen. „Hier ist noch kein Traktor rausgegangen, der nicht top gelaufen ist“, versichert Heinrich Niederholz Junior, seit fünf Jahren Chef des Unternehmens. Stolz sind die beiden Männer auf ihr „einzigartiges Spezialgetriebe“ wie sie sagen. „Damit könnten wir theoretisch einen Porsche-Traktor auf 55 Stundenkilometer bringen. Erlaubt sind allerdings maximal 30 Kilometer pro Stunde“, erzählt der Senior.

Seit etwa 18 Jahren gibt es das als „Niederholz-Übersetzung“ bekannte, im Porsche-Diesel-Club als Geheimtipp gehandelte Getriebe. Die Idee dahinter: „Besitzer von Oldtimer-Traktoren fahren meist nur spazieren, im aktiven Einsatz sind die wenigsten Schlepper“, erläutert Heinrich Niederholz Junior. Mit dem Getriebe geht es in der Kolonne zügiger voran. Im Wesentlichen haben die beiden Tüftler die Übersetzung geändert. Ihren Portalsatz für normale Getriebe fertigt eine Zahnradfabrik nach den genauen Angaben der Mechaniker. Weitere Details will Heinrich Niederholz Junior nicht verraten. Schließlich komme es aber auch darauf an, das Spaltmaß richtig einzustellen: „Das kann nicht jeder“, betont er. Zurzeit arbeitet er mit seinem Vater an einer Schmalspurvariante. „Fahrer holen die Geschwindigkeit sonst oft über die Drehzahl raus. Damit fahren sie aber über kurz oder lang die Motoren kaputt“, weiß er.
Während der Senior seine Spazierfahrten genießt, sieht er die Arbeit mit den Traktoren rein von der technischen Seite. In den Niederlanden hat er mit der Firma Delegro einen Hersteller aufgetan, der neue Kotflügel und Hauben für alte Traktor-Schätzchen fertigt. „Das ist oft günstiger, als alte wiederherzustellen“, weiß er. Allerdings setzt er auf Kundenwunsch auch völlig zerbeultes Blech wieder instand. In mühevoller Kleinarbeit über Stunden dengelt er Beule für Beule aus. „Manchmal monatelang.“ Mit einer speziellen Zinkschwemmpaste, die er vor einigen Jahren auf einer Messe entdeckt hat, bessert er defekte Stellen aus. Seit 26 Jahren arbeiten Heinrich und Heinrich als Zweierteam – und das mit gleichbleibender Freude an der Arbeit: „Hoffentlich mache ich das noch zehn Jahre weiter“, sagt der Senior und lächelt. Schweren Herzens hat er sich vor einigen Jahren von seinem Lanz-Bulldog getrennt – auf ärztliches Anraten: „Mein Herzschrittmacher tickte nicht mehr sauber“, erzählt Niederholz und schmunzelt. Schuld waren die harten Schläge des Bulldogs. „Ihren Reiz haben die Maschinen schon immer noch für mich, aber ich bin froh und dankbar, wenn ich mich auf meinen orangenen Porsche setzen und durch die Gegend fahren kann.“

Mehr zum Thema: Traktorparade: Allgaier AP17

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