20 PS für zwei Pferde

Dort steht er, an seinem angestammten Platz in der Garage, als sei in all den Jahren nichts geschehen. Doch Zeit eine Patina aus Staub anzusetzen hat der Oldtimer nun nicht mehr – mindestens einmal pro Woche fährt er einen Arbeitseinsatz. Der Porsche Standard T 217 (Baujahr 1963) ist zu seinen ursprünglichen Besitzern ins pfälzische Erlenbach bei Kandel zurückgekehrt. Lange Zeit wurde er von den Mitgliedern der Familie Stubenrauch nicht mehr gebraucht. Alle waren weg vom Landleben, der Traktor war in den Köpfen nicht mehr ständig präsent. Das sollte sich Anfang 2015 ändern.
Alles fing – wie so oft – mit einem Hirngespinst an. Suzann Stubenrauch wollte ihr Pferd „Nino“ gerne direkt bei sich am Haus halten. Stallungen und ein kleines Stückchen Weide waren schließlich vorhanden, denn ihr Großvater Rudolf Pfalzgraf züchtete einst Rennpferde. Die Boxen wieder in einen passablen Zustand zu bekommen war die eine Sache. Die andere Sache aber war der mit der Pferdehaltung verbundene Mist. Um diesen regelmäßig und kostengünstig abtransportieren zu können, bräuchte man eigentlich einen Traktor…

Die 27-jährige Referendarin erinnerte sich daran, dass es in der Familie einmal einen gegeben hatte. Genau auf dem Hof, auf dem sie heute mit ihrem Freund Mike Dittrich und ihrem Onkel Martin Pfalzgraf lebt. Seit 1990 hatte Rudolf Pfalzgraf den Traktor jedoch nicht mehr in Gebrauch und daraufhin an einen Nachbarn verliehen, der ihn zum Holzmachen nutzte. Dieser zahlte Steuern und Versicherungen für das Fahrzeug, eine Leihgebühr gab es nicht.

Er hat mich sofort an den kleinen roten Traktor aus der Zeichentrickserie erinnert

Suzann Stubenrauch

 

Über den weiteren Verbleib – und vor allem den Zustand des Porsches – wussten Suzann Stubenrauch und ihre Familie zunächst nichts. „Es existierte lediglich einen Handschlagvertrag über den Verleih“, erzählt Suzann Stubenrauch. Den Fahrzeugbrief hatte ihre Mutter Karin Stubenrauch, geborene Pfalzgraf, allerdings noch bei sich zu Hause. Denn nach dem Tod ihres Vaters war der Traktor auf ihren Namen überschrieben worden.
Suzann Stubenrauch ließ nicht locker und fuhr kurzerhand bei dem Hof vorbei, auf dem die Familie den Traktor vermutete. „Dort stand er auch. Er hat mich sofort an den kleinen roten Traktor aus der Kinderzeichentrickserie erinnert“, sagt sie lachend. Sie klingelte an der Tür und berichtete von ihrem Anliegen. Es waren jedoch einige Überredungskünste notwendig, um den Porsche wieder „auszulösen“. „Der Ausleiher hat den Trecker maroder dargestellt als er wirklich war“, berichtet Suzann Stubenrauch. Er hatte wohl vor, ihn der Familie für einen günstigen Preis abzukaufen. „Das stand aber für uns überhaupt nicht zur Debatte“, betont Hans-Jürgen Stubenrauch – das hätte weder sein Schwiegervater gewollt noch sein Schwager Martin. „Irgendwann war er dann aber doch einsichtig, und wir konnten den Traktor mitnehmen“, erzählt Suzann Stubenrauch lachend.

Jetzt ging für ihren Vater die Arbeit erst richtig los. Stundenlang recherchierte er im Internet zum Aussehen des Originals, Reparaturen, Ersatzteilen und Geschichte des Typs 217. Er bestellte sich das Reparaturhandbuch für den Porsche-Diesel und eine Ersatzteilliste. Zudem meldete sich Hans-Jürgen Stubenrauch in zahlreichen Foren an. Dabei stellte er bald fest, dass dem Porsche die Schriftzüge „Standard 217“ fehlten. „Im Internet habe ich mir zwei Stück für zusammen 80 Euro bestellt“, erzählt Stubenrauch. Angebracht hat er sie bis heute nicht: „Irgendwie kamen mir da doch so meine Zweifel, ob das am Ende überhaupt gut aussieht. Zudem ich einige Originale gesehen habe, die diesen Schriftzug auch nicht haben“, sagt er. Und in der Tat lässt auch die Haube keinerlei Rückschlüsse darüber zu, ob dort einmal Metallschilder zu sehen waren.
Einfacher gestaltete sich da die Suche nach dem passenden Lack für das alte Schätzchen. Das Porsche-Rot war dank Internet schnell gefunden. Auch die Felgen bekamen einen neuen Anstrich. „Ansonsten war ja nicht viel dran an dem Traktor“, berichtet Stubenrauch. Der TÜV bemängelte lediglich Kleinigkeiten an den Bremsen: Die Betriebsbremse wirke einseitig, ebenso wie die Feststellbremse. „Etwa 25 Stunden habe ich wohl in Summe an dem Porsche gearbeitet“, schätzt Stubenrauch. Die Abschmiernippel mussten erneuert werden, ein neuer Überrollbügel war Voraussetzung zur Zulassung als landwirtschaftlich genutztes Fahrzeug mit grünem Kennzeichen. Zudem bekam der Oldtimer noch die ein oder andere Schönheitsreparatur. „Museumsreif restauriert haben wir ihn allerdings nicht, er ist ja nach wie vor ein Arbeitsgerät“, betont Stubenrauch.
Und eines mit Charakter dazu. Seine Garage verlässt der T 217 offenbar nur auf freundliches Bitten: „Der springt am liebsten bei Mike an“, sagt Suzann Stubenrauch lächelnd. Vorsichtig schiebt er ihn in die Einfahrt. Ein paar Versuche braucht es schon, ehe das kreischende Geräusch beim Anlassen in den satten Viertakt des Zweizylinder-Motors übergeht. Ankuppeln ist dann wieder Team-Sache: Mike Dittrich bugsiert den Traktor rückwärts durch die Einfahrt auf die kleine Wiese neben den Stallungen, Suzann Stubenrauch weist ihn ein und kuppelt den Hänger an.

Apropos Hänger: Auf den alten Bildern von der Heuernte in den Jahren 1976 bis 1979 ist ein ganz ähnliches Gespann zu sehen. „Wir haben das gleiche Anhänger-Modell gefunden und gekauft“, erzählt Hans-Jürgen Stubenrauch nicht ohne Stolz. „Es hat allerdings wirklich lange gedauert, ehe ich das passende Zugmaul dafür aufgetrieben hatte“, erinnert er sich.
Voll beladen mit Pferdemist muss das Gespann jedoch nur ein kurzes Stück zurücklegen. Auf dem Weg zum Bauern, der den Mist entgegennimmt, geht es an der Koppel von Wallach „Nino“ und Stute „Diana“ vorbei. Auch hier muss „abgeäppelt“, also eingesammelt werden, was die Pferde über den Tag fallen lassen. „Wäre nicht alles so nah beieinander, könnte ich das mit der Pferdehaltung neben dem Referendariat gar nicht schaffen“, erzählt Suzann Stubenrauch. Und als Selbstversorger sind die Unterbringungskosten natürlich ebenfalls deutlich geringer. Etwa alle zwei Monate holt Stubenrauch zudem neues Heu und Stroh für die Pferde im Nachbardorf. Und im Sommer darf der Traktor dann auch wieder bei der Strohernte ran – auf dem Hof, auf dem die Pferde standen, ehe Suzann Stubenrauch sie zu sich holte.

Zugegebenermaßen überlässt sie das Traktorfahren gerne ihrem Freund Mike, aber ab und an sitzt auch sie am Lenkrad. „Ich merke das immer am nächsten Tag, wenn ich gefahren bin“, erzählt sie lachend. Vor allem das Schalten beim Porsche Standard T 217 ist durch das Zwischenkuppeln Arbeit – das gibt Muskelkater. Das Gruppengetriebe mit Acker- und Straßengruppe verfügt über acht Vorwärts- und zwei Rückwärtsgänge, wobei der erste Gang als Kriechgang ausgelegt ist. Maximal 20 Kilometer pro Stunde erreicht der Schlepper. Auch die mit dem Fuß zu betätigenden Trommelbremsen haben natürlich nichts mit dem Fahren eines annähernd modernen Fahrzeugs zu tun. Wobei Suzann Stubenrauch durchaus ein Faible für Oldtimer hat. Jahrelang fuhr sie den Peugeot ihres Großvaters, ehe dieser endgültig nicht mehr zu reparieren war. Der aktuelle Peugeot hat immerhin auch schon bald zehn Jahre auf dem Buckel. Das zweite Fahrzeug mit H-Kennzeichen auf dem Hof ist aber ein zum Wohnmobil umgebauter VW-Bus (Typ T3, Baujahr 1980) mit dem die 27-Jährige schon die ein oder andere längere Reise unternommen hat.

Ein Museumsstück ist der Porsche Standard T 217 wie gesagt nicht, aber gehegt und gepflegt wird er von Hans-Jürgen Stubenrauch dennoch. Jedes Mal, wenn er seine Tochter besucht, wäscht er den Traktor von oben bis unten bis der rote Lack wieder glänzt. Auch die beiden Enkelsöhne haben ihre Freude an dem Trecker, sei es gemeinsam mit Opa auf großer Fahrt oder einfach nur am Lenkrad sitzend. Die französische Bulldogge „Emma“ hält die Spritztouren auf dem tuckernden Gefährt allerdings für ein fragwürdiges Vergnügen.
Das ein oder andere Detail will sich Stubenrauch noch an dem Porsche vornehmen. Rückspiegel vielleicht? „Nein, sowas brauchen wir nicht, der Porsche hat doch Rundumsicht“, sagt er da ganz entschieden und lacht.

Mehr zum Thema: Traktorparade: Porsche Standard T217

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