Kolumne Dr. Trecker – Der Motorpflug – ein besonderer Patient

Im Jahr 2017 fand ein recht seltenes Fahrzeug den Weg zum Freilichtmuseum am Kiekeberg, ein Motorpflug aus den USA. Die Moline Plow Company hat in Illinois Motorpflüge hergestellt. Dieses Fahrzeug von 1917 war das erste Modell mit einem modernem Vierzylindermotor. Das Fahrzeug hatte hängende Ventile (einige Hersteller hatten in den 40er Jahren noch stehende Ventile), außerdem war es bereits 1917 mit Elektrostarter und Scheinwerfer lieferbar! Das Museumsfahrzeug hat keinen Elektrostarter. Dieser ist aber auch nicht notwendig, da der Benzinmotor im Regelfall nach der zweiten Kurbelwellenumdrehung läuft, egal ob kalt oder auf Betriebstemperatur. Im Prinzip ist dieser Motorpflug ein überdimensionaler Einachsschlepper mit angehängtem Pflug.

Nach der zweiten Kurbelwellenumdrehung läuft der Benzinmotor des Moline Motorpflug von 1917 in der Regel, schwört Dr. Trecker
Helmut von den Mittwochs-Schraubern packt mit an

Was ist zu tun?

Der Motor sollte betriebsfähig sein, logisch! Nach einigen optischen und technischen Kontrollen und diversen Abdichtungsarbeiten am Vergaser wagten wir einen Startversuch. Der Kraftstoff kam noch aus einem Tank, welcher mit einem Spanngurt am Fahrzeug befestigt wurde. Der Motor zeigte sich von der allerbesten Seite, er spang tadellos an, der Kühlkreislauf war dicht, der Motor lief sauber durch, es war keine Rauchentwicklung zu sehen – also ein voller Erfolg!
Die Mechanik der Pflugaushebung (am Ende der Furche tritt der Fahrer ein Pedal und das Heck hebt sich an und der Pflug wird aus der Erde gezogen) war schon mehrfach geschweißt worden und hatte mitten in der Schweißnaht (Gusseisen) eine Bruchstelle. Wir haben diese Mechanik wieder instand gesetzt. Das Bauteil ist aber scheinbar schon vom Hersteller etwas unterdimensioniert. So werden wir des Fahrzeug wohl nicht zur harten Ackerarbeit benutzen. Wer über hundert Jahre alt ist, der darf auch etwas kürzer treten!
Die Schneckenlenkung hatte eine Dreiviertelumdrehung Lenkspiel, das Lenkgetriebe wurde von uns instand gesetzt. Die Beschaffung der passenden Lager war eine echte Herausforderung, aber auch hier fanden wir eine Lösung.

 

Gewöhnungsbedürftig, aber passabel

Die Kupplung war nicht in Ordnung, so legten wir den Gang erst bei geschobenem Fahrzeug ein. Der Motorpflug fährt sich etwas gewöhnungsbedürftig, aber durchaus passabel. Nach den Probefahrten entdeckten wir einige abgerissene Stehbolzen am Achstrichter. Also bockten wir das Fahrzeug in der Ausstellungshalle des Museums Kiekeberg auf und behoben dieses Problem vor den Augen der Besucher. Sehen die auch nicht alle Tage…
Das Zollgewinde machte uns anfangs große Sorgen, denn Stehbolzen dieser Steigung waren in dem Durchmesser nicht auffindbar. Allerdings stellte sich heraus, dass die Steigung mit einem etwas größerem metrischen Gewindes identisch war. So mussten wir die Intakten Gewindelöcher nur leicht nachschneiden, und uns blieb eine große Sucherei erspart. Von der Instandsetzung am Achstrichter gibt es einige Bilder. Man beachte die Größe der Antriebsräder.

Der Tank des Motorpflugs
Instandsetzung des Rades
Viel Dreck hat sich in den Jahren angesammelt

 

Zur Zeit steht das Fahrzeug in der Werkstatt. Der völlig undichte Tank, welcher noch eine schöne Optik hat, bekommt derzeit eine Spezialbehandlung.  Dazu schnitten wir den Tank an nicht sichtbarer Stelle unter der Klemmschellenbefestigung auf, löteten die Stutzen aus und setzten den Benzinhahn in mehrstündiger Arbeit instand. Jörg Hölter hat aus Edelstahl einen Innentank angefertigt, der später in den aufgeschnittenen Originaltank eingesetzt wird. So haben wir nach Fertigstellung einen neuen, sauberen Tank, welcher außen sogar noch die alten Schriftzüge hat.

Da war dann nur noch die Kupplung…. Die Kupplung klebt, die Kupplungsscheiben sind mit den Mitnehmerscheiben verklebt. Diverse Tricksereien brachten keinen Erfolg. Da bleibt uns demnächst nur die Demontage – dazu muss der Motor im Stück vom Rest getrennt werden. Erst dann können wir die Kupplung demontieren und die Einzelteile bearbeiten. Eine ähnliche Prozedur hatten wir auch beim Hanomag WD28 (Per Klick auf den Link geht es zur entsprechenden Kolumne).

Sicher könnt ihr den Motorpflug aber bald im Museum wieder in seiner vollen Pracht bestaunen,

verspricht Euch Euer

Dr. Trecker alias Holger Hink

Du willst mehr über Dr. Trecker und das Freilichtmuseum erfahren? Dann lies‘ unsere weiteren Blog-Beiträge – du gelangst zu ihnen durch Klick auf eines der Bilder unten. Oder schau‘ dich auf der Seite des Freilichtmuseums um. Dr. Trecker gibt es auch auf Facebook: www.facebook.com/treckerdoktor

Ein Video von der Probefahrt gibt es auch auf Youtube.

 

In losen Abständen berichtet Dr. Trecker alias Holger Hink vom Freilichtmuseum am Kiekeberg von aktuellen und bereits abgeschlossenen Restaurierungsprojekten. Unterstützt wird der Werkstattleiter bei seiner Arbeit von den „Mittwochs-Schraubern“ im Museum.

 

Hier gibt´s noch mehr von Dr. Trecker:

Kolumne Dr. Trecker – Tietzer und Hink drehen ab

 

Kolumne Dr. Trecker – Zwölfer Lanz, zweiter Akt

 

Kolumne Dr. Trecker – Artgerechte Haltung für den Hanomag

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