Die Traktor-Pilger – Zurück mit einem Sack voller Eindrücke

„Unvorstellbar, was die Zwei da gemacht haben“, so lautet Inges Fazit der Tour auf dem Jakobsweg mit Traktor-Pilger Johannes. Voriges Jahr war er mit seinem Freund Gerd und zwei Oldtimer-Traktoren vom Niederrhein bis nach Santiago de Compostela gefahren – und zurück! Drei Monate jeden Tag an der frischen Luft, zweieinhalb Monate auf ihren Treckern: einem Eicher EKL 15/II und einem Schlüter AS 22. Zu Weihnachten hatte Johannes seiner Lebensgefährtin Inge die Tour in etwas „abgespeckter“ Fassung geschenkt: Drei Wochen auf dem Jakobsweg, dieses Mal jedoch mit einem Geländewagen. Seit gestern ist das Paar zurück – und die Eindrücke sind noch ganz frisch.

Als Inge den Dudelsack-Spieler sah (und hörte), der alle Pilger in Santiago de Compostela begrüßt, öffneten sich bei ihr alle Schleusen. Aller Ballast, alle Emotionen der vergangenen Tage, der Reise auf dem Jakobsweg, konnten ungehindert fließen. Oder anders gesagt: „Das war sehr ergreifend für mich, da war es um mich geschehen“, erzählt Inge. Als sie dann der Musiker noch dazu aufforderte, zu ihm zu kommen, damit er ein Lied nur für sie spielen kann, gab es kein Halten mehr. Auch Johannes, der ja nun bereits das zweite Mal an der Pilgerstätte angekommen war, spürte die „besondere Aura“ des Ortes und insbesondere der Kathedrale erneut: „Das war eine von Emotionen getragene Reise. Und als ich die Figur des Heiligen Jakobs berührt habe, da musste ich mir auch die ein oder andere Träne aus den Augen wischen“, erzählt er.

Ankunft in Santiago de Compostela. Bilder von der – immer noch eingerüsteten – Kathedrale, vom Hochaltar mit der Jakobsfigur und der Begegnung mit dem Dudelsackspieler.

Seit gestern sind die beiden wieder zurück von ihrer dreiwöchigen Tour, einer Wanderung auf breiten Erinnerungspfaden, die Johannes und sein Freund Gerd voriges Jahr um die gleiche Zeit angelegt haben. Fast überall wo der Traktor-Pilger auftauchte, ob in Herbergen oder auf Campingplätzen, immer erinnerten sich die Menschen schnell an das besondere Abenteuer. In zwei Herbergen hingen sogar Fotos der Traktorfahrer an den Wänden, viele andere zeigten auf ihren Smartphones und Tablets Fotos und Videos. „Es kam auch gleich die Nachfrage nach Gerd“, berichtet Johannes.

Mit Gerd ständig in Kontakt

So reiste der Daheimgebliebene auch irgendwie dieses Mal mit. „Wir waren in ständigem Kontakt“, bestätigt Johannes. Oftmals reichte da ein einziges Foto eines Ortes, den Inge und er auf der Tour mit dem Geländewagen passiert hatten, um auch bei Gerd wieder Erinnerungen zu wecken. „Wir sprechen, wenn wir zurück sind“, lautete die Antwort des Freundes aus der Heimat. Schon heute werden sich die beiden treffen, um sich über das Erlebte auszutauschen. Zudem hat Johannes seinem Pilgerbruder noch ein kleines Andenken für den Traktor mitgebracht…

Am Cruz de Ferro legten Johannes und Inge jeweils einen von zu Hause mitgebrachten Stein ab.

Inge staunt immer noch über die Leistung, die die beiden Freunde im vorigen Jahr vollbracht haben. Über 6000 Kilometer fuhren sie damals mit ihren Oldtimern, teils durch große Hitze. Die alten Trecker hielten prima durch, nur hier und da gab es kleinere Probleme, die Gerd als Landmaschinenschlosser jedoch immer schnell lösen konnte. Die Schotterpiste beim Cruz de Ferro verlangte Inge, die an Höhenangst leidet, einiges ab. Unbefestigt, steil, mit Schlaglöchern und Bodenwellen. „Dort wo es mal Schutzgitter in den Kurven gab, da waren sie längst den steilen Abhang hinuntergefallen“, berichtet Johannes. „Hundert Meter und mehr ging es teils in die Tiefe“, sagt Inge. „Hätten wir den Weg nach Hause auch nochmal nehmen müssen, ich wäre stattdessen geflogen.“

Dieses Mal mit Wetterkapriolen

Auch der Weg über die Pyrenäen war alles andere als ein Zuckerschlecken für die Niederrheinerin. Der Geländewagen mit Allrad gab aber zumindest Johannes als Fahrer viel Sicherheit, auch an Stellen, wo sogar noch Schnee lag. Mit dem Wetter hatten die Reisenden dieses Mal ohnehin Pech. Eine Jacke war fast immer Pflicht, in Spanien gab es Hagel, und auf der Rücktour im Département Rhône-Alpes betrug die Sichtweite lange Zeit unter zehn Meter. Nach der Übernachtung in Vichy fassten Inge und Johannes daher den Entschluss, die 900 Kilometer bis nach Hause in einem Rutsch durchzuziehen. Mit dem Auto schon eine Gewalttour – mit dem Trecker unvorstellbar!

Zuverlässiger Begleiter war dieses Mal kein Traktor, sondern ein Allradfahrzeug. Praktisch: inklusive Verdeck…

„Das war natürlich eine ganz andere Reise als voriges Jahr mit Gerd“, erzählt Johannes. Dieses Mal stand vor allem die Zeit als Paar im Vordergrund. „Wir sind seit 24 Jahren zusammen. Diese Reise war für uns ein ganz intensives Erlebnis“, betont Inge. Es fallen immer wieder Adjektive wie ergreifend, emotional, herzlich und einzigartig, aber auch anstrengend und mühsam. „Ich muss das jetzt erstmal alles sacken lassen“, sagt Inge. In ihr reift aber mehr und mehr der Entschluss, in ein bis zwei Jahren noch einmal als Fußpilgerin loszuziehen, von St.-Jean-Pied-de-Port aus. „Ohne mich“, sagt Johannes und lacht. Wer weiß. Vielleicht holt er sie ja mit dem Trecker ab?

Text: Birthe Rosenau / Fotos: Inge und Johannes

Du hast das große Abenteuer der Traktor-Pilger damals verpasst oder willst es einfach nochmal nachlesen? Dann bitte hier entlang!

 

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