Der Traktorpastor

Als Herbert Moeselaken vor elf Jahren seine Stelle als Diakon im Seelsorgebereich Radevormwald-Hückeswagen im Oberbergischen Land antrat, ließ er keinen Zweifel daran, was er in seiner Freizeit am liebsten macht: Traktorfahren. Der Pastor wollte ihm den Ort zeigen – und Moeselaken ging kurzerhand mit dem überrumpelten Mitbruder auf Traktortour. Die Treckerfreunde Hückeswagen bekamen davon Wind, sie fuhren mit einem knappen Dutzend Schlepper gleich eine Runde mit ums Dorf. Spätestens ab diesem Zeitpunkt waren Moeselaken und sein knallroter McCormick D320 überall bekannt, der Diakon hatte seinen Namen „Traktorpastor“ weg.

Jeden Traktor am Klang erkannt

Doch die Geschichte von Herbert Moeselaken und seinem Trecker fängt viel früher an. Geboren und aufgewachsen im niederrheinischen Grevenbroich-Wevelinghoven, packte den heute 69-Jährigen mit neun Jahren die Leidenschaft für alte Schlepper. „Ich bin damals bei den Nachbarn einen Lanz Bulldog gefahren – seither habe ich mich nur noch damit beschäftigt. Schon bald konnte ich jeden Traktortyp erkennen“, erzählt er. Sein Vater, ein Beamter, hätte es gerne gesehen wie er beruflich in seine Fußstapfen tritt. Doch Herbert Moeselaken hatte keine Lust zu studieren, er wollte Landwirt werden. Mit 14 Jahren verließ er die Schule, nur den Hauptschulabschluss in der Tasche, und begann eine Lehre bei International Harvester (IHC) zum Werkzeugmacher. „Nur leider habe ich da keinen einzigen Traktor gesehen“, sagt Moeselaken und schmunzelt.

Oft stand er am Hafenbecken und konnte auf der anderen Seite die IHC-Traktoren sehen. „Dort will ich hin“, stand sein Entschluss fest. Noch im zweiten Lehrjahr begann er mit der Abendschule und holte sein Abitur nach. In Köln studierte er Landmaschinentechnik und schloss 1973 mit einem Einser-Examen ab. „Von mir stammt die Erfindung, wie sich Rübenpflanzen berührungslos von Wildkraut unterscheiden lassen“, berichtet Moeselaken. Mittels atomarer Strahlen, die durch die Pflanze geschickt werden, geben die Messwerte Aufschluss über die Beschaffenheit der Pflanze. „Die Firma Fähse in Düren hatte dieses Verfahren eine Weile im Einsatz“, weiß der Ingenieur. Direkt in seiner ersten Anstellung nach dem Studium wurde er Betriebsleiter, bei der Sid-Werke GmbH in Grevenbroich-Kapellen. „Aber auch dort fehlte jede Spur von Treckern“, sagt Herbert Moeselaken. Noch während der Probezeit kündigte er und fing bei IHC in Neuss an. Schon bald wurde er dort Konstruktionsgruppenleiter und entwickelte sich mehr und mehr zum Getriebespezialisten.

Ein Haufen Schrott für 400 Mark

Er war gerade ein paar Jahre bei IHC, da bekam er den McCormick D320 zum Kauf angeboten. Er war den Trecker früher bereits ein paar Mal gefahren, dieser gehörte zum Fuhrpark der Drees-Mühle in Wevelinghoven. „Der Mühlenbesitzer sagte zu mir: Für 400 Mark kannst du ihn haben, der ist ohnehin Schrott“, erinnert sich Moeselaken. In den kommenden Monaten war er nach der Arbeit und an den Wochenenden gut beschäftigt. Er zerlegte den Oldtimer komplett und restaurierte ihn in vielen Stunden akribisch in seinem Keller: „Der Raum war zugekleistert mit Skizzen. Als IHC-Mitarbeiter saß ich ja an der Quelle.“ Im Werk löcherte er den Meister mit immer neuen Fragen. Etwa, wie er denn die Ventile schleifen müsse. „Ich konnte ja schlecht den Motorblock mit in die Firma bringen, das wäre blamabel gewesen“, sagt Moeselaken und lacht. Als alle Teile instand gesetzt waren, begann er damit, den Trecker im Garten wieder zusammenzubauen.

„Der schwerste Gang meines Lebens“

Mit seiner Familie, zu der seine Frau Hildegard und drei Kinder gehören, lebte er damals in einem Reihenhaus, dem ersten von sieben. Jeden Abend hielten die Nachbarn an seinem Garten an und sagten: „Heute springt der Traktor an, ganz sicher.“ Doch der Traktor sprang nicht an. Auch nicht am Tag danach und am darauffolgenden Tag und auch nicht in der nächsten Woche. „Da kam der schlimmste Gang meines Lebens“, erzählt Moeselaken und senkt den Blick. Er nahm sich den Obermeister beiseite und sagte: „Ich bin zu blöd, der Traktor springt einfach nicht an.“ Dieser gab sich keine Mühe seine Schadenfreude zu unterdrücken und erwiderte: „Du bist eben der Theoretiker. Ich komme vorbei.“ Nachdem er die Arbeit des Ingenieurs ausgiebig begutachtet hatte, griff er schließlich mit der Hand unter den Motor des Traktors und fand ein Loch, unter dem sich Öl sammelte. Er fischte etwas heraus, den Woodruff-Keil, und erklärte Moeselaken noch mit schmierigen Händen: „Du hast deine Arbeit gut gemacht, die Verzahnung ist nach Vorschrift, die Takte stimmen. Aber du hast die entscheidende Verbindung zwischen Welle und Rad nicht richtig angebracht.“ Der Fehler war schnell behoben, und der satte Viertakt des Motors konnte endlich erklingen. „An diesem Abend war ich nicht mehr ganz nüchtern“, erzählt Moeselaken schmunzelnd, „und meine Nachbarn auch nicht.“

 

TÜV? Kein Problem!

Mit einem schelmischen Grinsen erzählt der heutige Diakon, wie er zur Zulassungsstelle fuhr. Der TÜV bemängelte die Breite der Reifen, so könne der Traktor niemals zugelassen werden. Es sei denn, er bringe entsprechende Nachweise, dass das Original so ausgesehen habe. „Kein Problem, die bringe ich Ihnen morgen“, sagte Moeselaken. Sein Gegenüber schüttelte den Kopf: „Das können Sie vergessen, das dauert Monate, ehe Sie den richtigen Hersteller finden.“ Die Genugtuung Moeselakens als er am nächsten Tag tatsächlich bereits die Zulassung bekam, dürfte kaum überraschen.

Während er als Ingenieur bei IHC immer mehr Fuß fasste, war er gleichzeitig immer schon in seiner Gemeinde St. Martinus in Wevelinghoven sehr aktiv. Die Frage, ob er nicht Diakon werden wolle sei immer mal wieder aufgekommen. Als sein Sohn Peter schwer krank wurde und eine Zeitlang sogar um sein Leben kämpfte, folgte Herbert Moeselaken schließlich seiner Berufung. Er meldete sich in Köln am Priesterseminar an und studierte sechs Jahre lang mit vielen Lücken: „Schließlich war ich unglaublich viel in Sachen Traktoren unterwegs.“ Nachdem er im Sommer 1987 geweiht wurde, blieb er zunächst vier Jahre Diakon mit Zivilberuf, pendelte zwischen Kirche und Werkshalle. Zum Jahreswechsel 1991/92 kehrte er zum großen Erstaunen seiner Arbeitskollegen der Industrie endgültig den Rücken.

Messdiener zerdeppert Lampe

Nun gab es für den „Traktorpastor“ kein Halten mehr. Egal ob bei Freizeiten mit Messdienern oder Pfadfindern, Besuchen von Bischöfen oder Dekanats-Ausflügen, der McCormick war immer mit dabei. Der Schatz an Anekdoten aus dieser Zeit ist schier unerschöpflich. Etwa die Fahrt eines Messdieners beim Abriss des Pfarrzentrums als er „mit großer Präzision“ den einzigen noch stehengebliebenen Pfeiler erwischte und dabei eine der Lampen zerdepperte. „Bei einem IHC-Händler in Medebach habe ich lange im Schrott gewühlt, ehe ich entsprechenden Ersatz gefunden habe“, erzählt der Diakon. Oder aber die Freizeit in Belgien, bei der der Kühler plötzlich undicht war und das Gespann aus Trecker und Planwagen an jedem Bach halten musste, damit die Reisegruppe mit einer Konservendose Wasser nachfüllen konnte.

Mehr Fotos: Der McCormick D320 war unser Traktor des Monats Mai. Wer mehr Fotos von dem schön restaurierten IHC sehen möchte, findet diese hier.

 

Trecker in den Garten geschleppt

Als Moeselaken schließlich in Radevormwald das Pfarrhaus bezog, musste der McCormick natürlich mit. In einer großen Aktion wurde der Trecker mit einem Bagger den Berg rauf in den Garten geschafft. Dort stand er, bis sein Besitzer vor zwei Jahren in den Subsidiarsdienst wechselte und aus dem Pfarrhaus ausziehen musste. Bereits einige Jahre zuvor hatten sich Moeselaken und seine Frau eine alte Gaststätte nahe der Kirche gekauft, in der sie sich nun einrichteten. „Im Garten dort ist allerdings leider kein Platz mehr für den Traktor“, erzählt der 69-Jährige. Also galt es, eine neue Bleibe für den D320 zu finden. Mit Gottfried Vitus, „einem Traktorfanatiker“ wie Moeselaken sagt, kam der Schlepper wieder zurück nach Grevenbroich-Wevelinghoven in seine alte Heimat.

„Ich weiß es noch genau, es war Februar und ich kam gerade von einer Beerdigung. Da sah ich den Tieflader: ein riesiger Case IH davor, dahinter verschwindend klein der aufgeladene McCormick“, erinnert sich Herbert Moeselaken. Auf die Frage, wie er denn den Oldtimer so alleine nach unten bekommen habe, antwortete sein Freund: „Ich kenne zwar nicht deine Hügel, aber ich kenne meinen Traktor.“ Er war mit dem großen Case den Wald hinaufgefahren, hatte im Garten gedreht und dort den Kleinen an die Kette gehängt. Im Nachhinein gab er zu, dass ihm während der Aktion doch etwas mulmig gewesen sei. Schließlich durfte der Kleine den Großen ja nicht überholen – daher fuhr Vitus diagonal den Hügel hinab. Im neuen Garten hängt immerhin noch ein auf Holz gedrucktes Bild des Traktors, den er Anfang 2016 an seinen Freund verschenkt hat.

„Wenn du fahren willst: da hängt der Schlüssel“

„Ich habe den Traktor wieder fit gemacht, und Gottfried hat ihn jetzt wieder schön gemacht“, sagt Herbert Moeselaken. Etwa drei Monate restaurierte Gottfried Vitus den McCormick. Neben vielen Schönheitsreparaturen dichtete er auch Motor, Getriebe und Hinterachse neu ab und erneuerte die Bremsen. „Schön ist er geworden“, erkennt der nun ehemalige Besitzer Moeselaken neidlos an. Doch dann findet er doch noch etwas zum Meckern: „Hier am Chassis, da hast du was falsch gemacht. Das Loch ist zu, jetzt kann man den Traktor nicht mehr ankurbeln.“ Vitus zuckt mit den Achseln und grinst. Er kennt den Schlepper so lange er lebt und ist stolz auf den Zustand, in dem er nun ist. Schließlich nickt er Moeselaken zu und sagt: „Du weißt ja: Wenn du fahren willst, da hängt der Schlüssel.“ Und das lässt der sich nicht zweimal sagen.

Fotos: Nico Hertgen / privat
Text: Birthe Rosenau

Please follow and like us:
error

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Social Share Buttons and Icons powered by Ultimatelysocial
Facebook
Facebook
YouTube
YouTube
Instagram