Bei Schorsch im Museum

Es braucht wahrlich kein Genie um zu erraten, für welche Schlepper Georg Nagels Herz schlägt. Er begrüßt seine Besucher mit Deutz-Käppi und in der ebenfalls fast deutz-grünen Jacke der „Schmittlotheimer Berghirten“, einer Initiative, die rum um das Dorf in Waldeck-Frankenberg die Hänge mäht. Traktoren und Heimatverbundenheit – diese zwei Säulen haben im Leben des 78-Jährigen schon immer eine besondere Rolle gespielt. Und so ist in all den Jahren einiges zusammengekommen an Fundstücken, Erinnerungen und liebevoll restaurierten und gehegten Schleppern.

Als er die Tore zu seinem „Hobbyraum“ öffnet, tun sich dahinter ganze Traktorwelten auf: Schuco-Modelle im Maßstab 1:43, alte Plakate und Metallschilder mit Traktoren, eine Zapfsäule mit Bierflaschen – „Dieselroß-Öl“ und „Fendt Erntegold“ – und natürlich Pins, immer wieder Pins. Das Auge weiß gar nicht, wo es zuerst hinschauen soll. Es bleibt hängen auf zwei Deutz-Traktoren: einem D5005 mit Frontlader und einem F2L 612/54. „Mit dem fing alles an“, erzählt Georg Nagel und klopft auf den kleineren Deutz in der Halle. Er war gerade 16 Jahre alt, als sein Großvater mit ihm den 22 PS-starken Zweizylinder-Schlepper kaufte. „Mein Vater war im Krieg geblieben, da musste ich auf dem Hof mithelfen“, erinnert er sich.

Der höchste der zehn Gänge des kleinen Deutz ist als Schnellgang ausgelegt. Natürlich war der damals gesperrt, bis Nagel dann den Führerschein gemacht hatte und das Gefährt mit 25,7 Kilometer pro Stunde voll ausfahren durfte. „Bis heute war der Schlepper keinen einzigen Tag abgemeldet“, berichtet Georg Nagel stolz. Zur Erinnerung trägt der luftgekühlte Deutz mit Wirbelkammermotor das alte Kennzeichen aus der Besatzungszone: A-H steht für Amerikanisch-Hessen, die 25 für den Kreis, dem Schmittlotheim (heute ein Teil von Vöhl) zugeteilt war. Zum Traktorkauf gab es für den Jungen auch die erste Anstecknadel: ein in Glas emailliertes Deutz-Logo, damals noch die rote Raute mit silberner Schrift. „Die hat Deutz in den 1950er Jahren herausgegeben, heute ist sie viel wert“, sagt Nagel.

Dass er eines Tages über 2000 solcher Anstecknadeln und Pins besitzen würde, ahnte er damals allerdings noch nicht. Zunächst vergaß der junge Landwirt die Nadel in einer Schublade. Erst Jahre später fiel sie ihm wieder ein, als er in einer landwirtschaftlichen Zeitung eine Anzeige eines Pin-Sammlers sah: „Suche Pins“. Nagel nahm mit dem Mann aus Hildesheim Kontakt auf und erfuhr, dass dieser schon über 1000 Anstecker besaß. „Das waren für mich böhmische Dörfer“, sagt er und schmunzelt. Seine Sammelleidenschaft war allerdings dadurch geweckt. Da traf es sich gut, dass er neben der Landwirtschaft beim neugegründeten Busunternehmen in der Nachbarschaft als Fahrer anheuern konnte. „48 Jahre lang habe ich Landwirte zu Messen und Werksbesichtigungen gefahren“, berichtet Nagel, „da stand ich dann mit den Kindern in einer Schlange, um die neueste Nadel zu bekommen.“

Heute stecken in zwölf Glaskästen fein säuberlich seine Errungenschaften – und die Sammlung wächst stetig weiter. Über das Internet pflegt der 78-Jährige Kontakte zu Sammlern in ganz Deutschland, kennt sich mit Ebay bestens aus und fährt immer noch so oft es geht zu Messen, um sich dort die neuesten Abzeichen mitzunehmen. Die kleinen Metall-Pins sind zugleich Zeitzeugen der teils sehr bewegten Geschichte so manch‘ eines Traktorherstellers. Zum Beispiel der Kölner Firma Deutz: Die ältesten Nadeln zeigen noch das alte Firmenlogo: eine rote Raute mit silbernem Schriftzug in Großbuchstaben. Die emaillierte Version stammt aus den 50er Jahren, die sehr ähnliche nicht emaillierte aus den 60ern. Die Deutz-Flagge, die vermutlich bis Ende der 1950er Jahre von Deutz ausgegeben wurde, ist heute ein begehrtes Sammlerstück.

1964, zum 100-jährigen Firmenjubiläum, brachten die Kölner auch ein neues Logo heraus, das so genannte Magirus-Logo. Es würdigte den Zusammenschluss der Traktorbauer mit der Fahrzeug- und Feuerwehrgerätefabrik in Ulm. Das „M“, aus dem sich die Spitze des Ulmer Münsters – nicht etwa des Kölner Doms – erhebt, ist bis heute (in vereinfachter Form) Teil des Logos von Deutz-Fahr. Zu sehen ist das neue Logo etwa auf einer von Nagels Nadeln von 1967, hier noch nur mit dem Deutz-Schriftzug. Ein weiterer Einschnitt war 1968 der Erwerb einer Mehrheitsbeteiligung an der Maschinenfabrik Fahr AG in Gottmadingen – ihn spiegeln die Nadeln wider, ab sofort erscheint „Deutz“ nur noch als „Deutz Fahr“. Einen glasierten Pin aus den 70er Jahren mit eben diesem Schriftzug hat Georg Nagel bei einer Werksführung erhalten. Von einer anderen, der Miniatur des weltberühmten Elfer Deutz, dem Bauernschlepper von 1939, kann Nagel die Jahreszeit nicht mit Gewissheit sagen. Ein wichtiges Stück seiner Sammlung ist es allemal, krempelte der Elfer den Traktormarkt damals doch gehörig um.

 

Ich habe auf Messe mit den Kindern in einer Schlange gestanden, um die neuesten Pins zu bekommen.

Georg „Schorsch“ Nagel

 

Seine wohl wertvollste Nadel ist zurzeit eine Abbildung des Fendt „Dieselroß“ (so der Originalschriftzug in Rot) auf dreieckigem Grund aus den 40er Jahren. „Sie wird mit rund 100 Euro gehandelt“, weiß er. Daneben hält er eine der modernsten Nadeln, auch von Fendt, ein schematisch dargestellter Traktor auf einen weißen Pin geprägt. Immer neue Firmen findet das Auge beim Streifzug über die Vitrinen. Farmall, IHC, Massey Ferguson, Eicher, Schlüter, Lanz, Güldner – ein gigantisches Oldtimer-Treffen auf kleinstem Raum. Teils sind auch ganze Serien dabei, wie die von John-Deere. Sie zeigt die Firmenlogos von 1867 bis 2000. Schon beim ersten Logo war ein Hirsch das zentrale Motiv, allerdings interessanterweise eine afrikanische Hirschart. Zudem sprang das Tier nach vorne und landete dann auf dem Boden. „Hier, auf dem aktuellen Logo, springt der Hirsch nach oben“, zeigt Nagel. Das sollte den Führungsanspruch des Unternehmens, den Drang hoch hinaus, unterstreichen. Ohnehin ist der Hirsch muskulöser geworden, wirkt energischer und dynamischer.

Zeit, den ehemaligen Schweinestall so detailverliebt in ein regelrechtes Museum zu verwandeln, hat Georg Nagel erst, seit er Mitte der 90er Jahre seine politischen Ämter aufgegeben hat. 1964 bis 1968 war er Gemeindevertreter von Schmittlotheim, anschließend bis 1971 Bürgermeister. 1972/1973 übernahm er das Bürgermeisteramt der Gemeinde Hessenstein. Als dann 1974 die neue Gemeinde Vöhl aus 15 Dörfern gegründet wurde, war er dort zunächst ein Jahr lang staatsbeauftragter Bürgermeister, später dann Erster Beigeordneter. Doch nicht nur deshalb ist „Schorsch“, wie ihn alle nennen, in seiner Heimat bekannt wie ein bunter Hund.

Mit dem von ihm gegründeten Treckerclub Schmittlotheim ist der 78-Jährige häufig zu Treffen in der Umgebung unterwegs oder unternimmt Ausfahrten – etwa zum nahegelegenen Edersee. Ein Höhepunkt war im Mai vorigen Jahres die Teilnahme am Weltrekordversuch in Odershausen. Aus 1400 Fahrzeugen formierten die Fahrer die längste Traktorenparade der Welt und pulverisierten den alten Weltrekord, den der US-Bundesstaat Nebraska gehalten hatte. Um ihn zu schlagen, musste der Verein mindestens 965 fahrbereite Traktoren, die älter als 30 Jahre sind, über eine zehn Kilometer lange Strecke bringen. Ein Leichtes für die Odershausener! Georg Nagel steuerte fünf Traktoren dazu bei. Er selbst fährt am liebsten immer noch auf seinem ersten Schlepper von 1955. „Der D5005 ist mir zu lahm“, sagt er lachend, „der fährt ja bloß 20 Kilometer pro Stunde.“

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